Gibt es absolute Effizienz in der Selbstverteidigung ?

Wie ist es mit Waffen zum Selbstschutz, was geht praktisch - und was sagt die Gesellschaft dazu ?

Nun vorweg: Dies ist natürlich ein sehr kontroverses Thema, daß viele Leute nur zu ungern ausführlich behandeln, erstens auf Grund der unmitttelbaren gesellschaftlichen und rechtlichen Relevanz, zum anderen läuft man sofort Gefahr, regelrechte Überzeugungsbastionen in Hinblick auf das Machbare einzureißen und sich dadurch überhaupt keine Freunde zu machen. Trotzdem wollen wir uns einmal an die Problematik aus dem Sichtwinkel der reinen Funktionalität des Escrimas heranwagen.

Sich unbewaffnet zu wehren wird immer dann schnell problematisch, wenn der Konflikt über eine relativ harmlose Rangelei hinausgeht, da man natürlich nie weiß, wann jemand dazu neigt z.B. ein Messer zu ziehen und es aus dem Hinterhalt mit tödlicher Effizienz zu benutzen (messerähnliche Gegenstände wie Schraubendreher, Rasierklingen, abgebrochene Flaschen, Biergläser etc. eingerechnet). In einem solchen Fall befindet man sich nämlich sofort in einer ziemlich fürchterlichen, existenzbedrohenden Situation.

Insofern ist eine waffenlose Gegenwehr eigentlich immer nur dann zu riskieren, wenn man mutmaßlich davon ausgehen kann, daß es lediglich um einen harmloseren und eher zivilen Zeitgenossen geht, der in seinem Verhalten einfach mal etwas über die Strenge geschlagen ist, im Grunde aber gesellschaftliche Normen durchaus auch noch für sich geltend macht. Es geht also möglichst nur um Situationen, in denen man sich durch den Einsatz einfacher Gewalt (Schubsen, Ohrfeige usw.) Schlichtung erhoffen kann.

Sobald man jedoch an wirklich kriminelle, rücksichtslos gewalttätige Personen gerät, denen gesellschaftliche Normen (Ethik, Gesetze, Sozialverhalten) völlig gleichgültig sind, ist die Situation augenblicklich extrem gefährlich, da man diese Personen ja mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit regelrecht niederkämpfen muß, während diese möglicherweise alle Register ziehen, den Konflikt für sich zu entscheiden und vor nichts zurückschrecken.

Von daher sollte man jedem gerne wehrhaften, gesetzestreuen Bürger zu großer Zurückhaltung raten, da Kriminelle sich dadurch, daß ihnen Gesetze völlig egal sind und sie oft keinerlei Hemmungen haben, sehr stark im Vorteil gegenüber jedem befinden, der Gesetze achtet und fürchtet !

Sollte man nun beispielsweise in Erwägung ziehen, sich im Notfall mit einem Stock gegen einen Übeltäter zur Wehr zu setzen, müßte man sich zunächst einmal natürlich über die möglichen rechtlichen Konsequenzen einer solchen Überlegung - angesichts der möglichen Folgen - Gedanken machen. Wenn wir nun diesen Punkt einmal ausblenden, gibt es folgende rein pragmatische Gesichtspunkte zu bedenken:

Wie wir aus unserer eigenen Turniersportpraxis wissen, landen die Kämpfer bei Auseinandersetzungen mit stumpfen Waffen oft im Nahkampf. Und dies ist, wenn einer der Kontrahenten es erzwingen will, von dem Anderen praktisch kaum zu verhindern und der Kampf wird dann oft vom besseren Mann im Nahkampf entschieden. Man ist also einerseits einige Zeit mit einem Angreifer beschäftigt (Gefahr bei mehreren Gegnern) und braucht andererseits hinreichende Nahkampfqualitäten, wodurch natürlich auch Gewichtsunterschiede eine nicht unerhebliche Rolle spielen.

In einer ähnlichen Selbstverteidigungssituation wäre es somit für den Angreifer natürlich auch jederzeit möglich, im Nahkampf ein Messer mit ins Spiel zu bringen - ganz genau wie in der waffenlosen Konstellation. Oder es könnte sich ein entschlossener Messermann mit seinem Arm, seiner Jacke, einem Hocker o.ä. schützen und den Nahkampf so erzwingen, wie wir es z.B. von den Stockkämpfen auf unseren Turnieren kennen.

Gegen stumpfe Waffen ist ein Einlaufen in die Nahdistanz nun einmal jederzeit möglich - unser Stock ist die von vornherein unterlegene Waffe, da der Vorteil der Stockdistanz praktisch kaum aufrecht zu erhalten ist.

Das macht die Idee einer Selbstverteidigung aus sicherer Distanz mit stumpfen Waffen gegen entschlossene Angreifer, und gegen Angreifer mit einem Messer insbesondere, sehr fraglich - von einer eigenen überraschenden Erstschlagsoption vielleicht einmal abgesehen. Diese Erkenntnis ist aber eigentlich ein alter Hut - nachzulesen schon in Johann Lichtenauers "Kunst des langen Schwertes" in der Beschreibung des Gefechtes zweier gerüsteter Gegner. Abgesehen mal davon, daß rein statistisch über 70 % aller Messerattacken zu überraschend geschehen (internationale Gerichtsmedizin). Der Angegriffene hat in diesen Fällen gar keine Möglichkeit zu irgendeiner Gegenwehr, weil er schlicht und einfach gar nicht oder zu spät mitbekommt, daß ein Messer im Spiel ist.

Stock + Messer:

Rechtlich in Europa natürlich sehr problematisch, aber viel erfolgve[Image]r-sprechender, wäre hier schon die klassische philippinische Selbstverteidigung mit Stock+Dolch, insofern man denn eine Möglichkeit zur Gegenwehr haben sollte. Hier wird der Dolch verwendet, um den Aggressor auf Distanz zu halten und zwar egal, ob der Angreifer nun ein Messer hat, einen Stock, eine Keule oder selbst unbewaffnet ist.

Mit dem Stock des Verteidigers wird er entweder derart lädiert, demoralisiert und regelrecht bestraft, daß er sein Vorhaben schließlich aufgibt und sich aus dem Staube macht oder aber unter den Hieben zusammenbricht.

Aus der Praxis wissen wir, daß sich waffentechnisch mit Stock+Dolch leicht jede Stock- und Messerkampfvariante kaltstellen läßt, da der Verteidiger jetzt seine sichere Distanz verteidigen und den Reichweitenvorteil des Stockes ausnutzen kann.

Verfügt der Stock+Messer-Anwender auch noch über Nahkampfqualitäten vom Stockkampftraining, könnte er gegen Angreifer mit stumpfen Waffen sogar selbst jederzeit in den Nahkampf gehen und seine Gegner lethal stoppen (z.B. bei mehreren Angreifern), wodurch sich auch der mentale Druck auf seine Gegner enorm steigert.

Das jedoch andererseits ein Angreifer einfach in den Verteidiger hineingeht und diesen mit in den Tod reißt, ist eigentlich nur vorstellbar, wenn der Angreifer entweder schwer geistesgestört oder aber bereit und willens ist, hier und jetzt, wirklich selbst zu sterben. Letzteres trifft aber, wenn es hart auf hart kommt, erfahrungsgemäß nicht für die meisten Bösewichte zu, auch wenn diese sich ansonsten zu den ganz Hartgesottenen zählen. Der Dolch wird deshalb traditionell auch eher als lebenerhaltendes Instrument gesehen und wird damit positiv belegt, gilt es doch in Kreisen von Escrimadores als ehrenhaft es sich leisten zu können, den Gegner zu verschonen und am Leben zu lassen.

Der improvisierte Speer:

Gegen eine entsprechend lange schwertähnliche Klinge wäre letztlich natürlich auch die Stock+Dolch Methode ziemlich wirkungslos. Da auch Doppelschwerter (Einhandpaarwaffen) wiederum in der Regel (Waffenlänge) durch einen Anderthalbhänder zu schlagen sind (ausgenommen die hochspezialisierte Rapier+Dolch-Fechtmethode) und dieser wiederum mit Leichtigkeit durch einen Speer, wäre die logische nächste Wahl - auch in unserer schwertlosen Zeit - eine speerartige Klingenwaffe.

Daher täte man z.B. gut daran, sollte man einmal in der Wildnis unterwegs sein, ein zusätzliches Messer zu besitzen, daß sich durch Befestigung an einem langen Stab zu einem Speer umfunktionieren läßt. Solch eine Waffe kann durch die mögliche Reichweite einen hervorragenden Schutz in so mancher Situation bieten. Der Speer galt nicht zu unrecht in vielen alten Kulturen als König der Waffen und stellt mit die älteste und auch zeitloseste Waffe dar, die praktisch unverändert überdauert hat.

Und in der Zivilisation?

In unserer westlichen Zivilisation kann man sich natürlich, wie man jetzt unschwer verstehen wird, nur ziemlich unzureichend aktiv selbst schützen, ohne selbst mit den Gesetzen und der Gesellschaft in Konflikt zu geraten. Das ist der Preis dafür, daß man in dieser Gesellschaft lebt. Man könnte natürlich auch weggehen und einsam am Polarkreis leben, um dann von Kälte, Hunger und Eisbären bedroht zu sein, anstatt von Kriminellen. Das ist reine Geschmackssache. Wenn man sich aber für die Gesellschaft (Gemeinschaft) entscheidet, muß man eben auch zwangsläufig ihre Regeln akzeptieren.

Was einem bleibt, ist das Training der verschiedensten Szenarien, um letztlich durch viel Können und in Hoffnung auf das eigene Glück, notfalls selbst kleinste sich bietende Chancen nutzen zu können und seine Optionen so, trotz ungleich verteilter Karten zu verbessern, sollte man einmal in eine derart mißliche Situation kommen. Hierfür gibt einem die philippinische Kampfkunst - richtig betrieben - jede Menge Möglichkeiten.

Auf der anderen Seite sollte man auf Grund des Trainings und damit besseren Verständnisses der Gefahren des Kampfes, so viel Umsicht entwickeln, daß man möglichst gar nicht in gefährliche Situationen gerät. So wie beim Brandschutz ein Verständnis zur Risikoerkennung für eine Brandvermeidung sehr bedeutsam ist, verhält es sich auch beim Selbstschutz. Und ein Wohnungsbrand bleibt immer ein schreckliches Ereignis - Niemandem würde es wohl einfallen sich hinzustellen und zu sagen: Ihm mache ein Wohnungsbrand nichts aus, er habe ja einen ausgezeichneten Feuerlöscher ! Und wer steckt schon aus Erlebnisdrang sein eigenes Haus an ?

Ein Wohnungsbrand ist kein Lagerfeuer und genauso ist eine Selbstverteidigungssituation eben keine Sportveranstaltung - und daran sollten - ich weiß, das klingt jetzt sehr gruftig und nutzt natürlich sowieso nichts, gerade auch junge Leute immer denken, bevor sie sich leichtfertig in irgend ein schwer einzuschätzendes Wochenendvergnügen in einer zwielichtigen Gegend mit zwielichtigen Leuten stürzen. Am häufigsten werden junge Leute zwischen Freitagabend und Sonntagmorgen in irgendwelche Gewalttaten verstrickt und landen dann oft - zu oft - entweder im Krankenhaus, im Gefängnis oder gar auf dem Friedhof.

Und - kann man daran etwa was ändern ?

Ganz einfach: Wenn man an einem Sonntag Vormittag bei schönem Wetter an irgendeinem netten Ausflugsort spazieren geht, begegnen einem meistens Familien mit Kindern und die greifen einen doch in der Regel wohl nicht an - Richtig ?
Und die meisten Ratten der Nacht, Räuber, Schläger und Trunkenbolde schlafen sich doch um diese Zeit meistens aus - Falsch ?

Kann man also nicht relativ leicht über Ort und Zeit sein Umfeld und damit seine persönlichen Risiken beeinflussen ?

Text:ETF/Schubert