Was ist Escrima wirklich ?:

1.)

Methode primitiver eingeborener Inselbewohner, die im Indiokostüm und mit feuergehärteten Stöcken schwer gerüstete spanische Konquistadores niedermachten ? [1],[2]

2.)

Geheimkunst, die im Verborgenen geübt und weitergegeben, zum vernichtenden Untergrundkampf gegen die Spanier benutzt und in Form von Tänzen „heimlich“ übermittelt wurde ? [1],[2]

3.)

Von in spanischen Diensten stehenden philippinischen Vasallen praktizierte Verbindung aus europäisch-asiatischer Kampfkunst, die über die Jahrhunderte eine eigene Kampfkunst-Identität entwickelte ? [3],[4]

Nun - selbst Historikern fällt es teilweise schwer, sich ein genaues Bild über die insgesamt doch recht verwirrende philippinische Geschichtsschreibung zu machen. Zuverlässiger und ergiebiger können hier zweifellos spanische Archive sein. [4]

Zu Hypothese 1:
Jedem, der mit Klingenwaffen einigermaßen realistisch sparrt und die richtigen Distanzen begriffen hat, wird schnell klar, daß man mit stumpfen Waffen (Stöcken) kaum gegen Schwerter und Helmbarten gewinnen kann, geschweige denn gegen organisiert im militärischen Verband kämpfende Konquistadores in Rüstungen.

Man denke auch nur einmal daran, wie wenige hundert Spanier ´zighunderttausende Indios in Amerika ziemlich mühelos niedermetzelten, obwohl diese sich verzweifelt wehrten. Die Geschichte mit den Stöcken gehört also ins Reich der Mythen und Sagen.[3],[4]

Zu Hypothese 2:
Was wäre denn so eine „Geheimkunst“ über einen Zeitraum von 400 Jahren in Form von Tänzen weitergegeben wert, die an einer spanischen Besatzung überhaupt nichts ändern konnte, bis schließlich ab 1896 Leute wie General Aguinaldo auf Grund der entstandenen politischen Situation auf den Philippinen und mittels ihres letztlich durch die Spanier erlangten militärischen Könnens in der Lage waren, den Umsturz militärisch umzusetzen ? [3],[5]

Und wie sind denn verschiedene historische Begebenheiten letztendlich wirklich abgelaufen? Wie wurden z.B. 1762 die Rebellen von Pangasinan bekämpft ? In der Überlieferung sind immer wieder Einsätze sogenannter paninsulanischer spanischer Einheiten, Kavallerie-Schwadronen etc. beschrieben, die lediglich einen spanischen Kommandeur hatten. Die Rebellen lieferten lange Zeit heftigen Widerstand, aber die pro- spanischen Kräfte bekamen früher oder später doch immer wieder die Oberhand. Hatten etwa ausgerechnet solche Kämpfer wie die Rebellen von Pangasinan ihre „vernichtende Geheimkunst“ nicht richtig gelernt, beherrschten die in spanischen Diensten stehenden Vasallen sie etwa auch oder noch schlimmer - war es damit am Ende gar nicht so weit her?

Fragen, die der Kampfkünstler sich doch heute irgendwann einmal stellt ? [3]

Oder nutzten die Spanier nicht einfach die gleiche erfolgreiche Methode, derer sich auch schon die Römer im 4.-5. Jhrdt. bedienten, als sie in der römischen Armee angeheuerte und von ihnen militärisch ausgebildete Germanen zur Bekämpfung von germanischen Stämmen einsetzten, weil die germanisch-römischen Vasallen natürlich bestens geeignet und doppelt gefährlich waren, da sie ihre Landsleute, deren Gepflogenheiten und Stärken am allerbesten kannten und auch deren Kampfesweise im wahrsten Sinne des Wortes mit der Muttermilch aufgesogen hatten. [6],[7]

Sind so nicht auch die Engländer in Indien und anderen Ländern vorgegangen ? Man denke nur einmal an die ruhmreichen Gurkha-Regimenter der britischen Armee. Und wie sonst hätten die Engländer mit der Mannstärke der Londoner Stadtpolizei - nämlich ca. 40.000 Mann - den ganzen indischen Kontinent erobern und kontrollieren können ?

War die indische Kampfkunst stärker als die Britische ?

War es anders in Afghanistan unter den Russen ?

Und waren es nicht erst unlängst im Tschetschenienkrieg, auch die auf russischer Seite kämpfenden Tschetschenen, die den tschetschenischen Widerstand so schwierig machten (abgesehen von materieller Übermacht), da ihre auf der anderen Seite kämpfenden Landsleute ihre Mentalität, Denk- und Vorgehensweise natürlich bestens verstanden, viel besser als die Russen es hätten tun können.

Wenn man sucht, findet man leicht unzählige Beispiele für diese Vorgehensweise von Eroberern und Kolonisatoren in der gesamten Weltgeschichte, von der Antike bis Heute.

Zu Hypothese 3:
Nun, nach den Spaniern versuchten die Filipinos vielen Dingen neue nationale Inhalte zu geben, so daß man heute natürlich gern an die malaiischen Wurzeln der eigenen Kampfkunst erinnert.

In Bezug auf Escrima wissen wir aber, daß die Bezeichnung ESCRIMA nur innerhalb des eng begrenzten spanischen Einflußgebietes auf den Philippinen zu finden ist und das sich die Stile von außerhalb dieses Gebietes stark von authentischem Escrima unterscheiden. Auch in den ursprünglichen spanisch kontrollierten Gebieten findet man noch einige überlieferte quasi urmalayische Dorfstile, die den Stilen von außerhalb gleichen. Umgekehrt, typische Escrimatechniken findet man außerhalb des spanischen Kolonialgebietes nicht !

Besonders, wo die Spanier entmachtete Chiefs (Häuptlinge) als Provinzgouverneure und Statthalter in Diensten der spanischen Krone wiedereinsetzten und diese aus den umliegenden Dörfern (Barangays) trainierte Krieger als Soldaten anheuerten (diese erhielten dann eine militärische Ausbildung im Sinne der Spanier) - so z.B. auf den Visayas (Negros, Panay etc.) - findet man die typischen Escrimastile.

Beschäftigt man sich näher mit philippinischer Kampfkunst, findet man viele sogenannte Basisstile, die eine Menge Übereinstimmungen mit den auf europäischen Kasernenhöfen gelehrten militärischen Schwertschulen und deren Drills aufweisen, die in Europa noch weit bis ins 19.Jrhdt und teilweise sogar noch zu Beginn des 20.Jrhdts existierten.

Als Beispiele lassen sich die militärische Broadsword-/Säbelschule der schottischen Highlander von 1798 oder auch die englische Broadsword-/Säbelschule des 19.Jrhdts anführen. Das Broadsword - wie der westliche militärische schwere Säbel im englisch-sprachigen Raum genannt wird - ist in der Fachliteratur als die höchstentwickelte Form des Schlachtschwertes beschrieben, einseitig geschliffen, da die alte Wendeklinge auf Grund der inzwischen viel besseren Stähle unnötig geworden war und man durch die neue Klingen- und Gefäßgestaltung einen höheren Wirkungsgrad bei der Hiebführung erzielen konnte. Übrigens eine direkte Weiterentwicklung (die Entwicklung endete ja hier) und ein unmittelbarer Nachfahre der alten Schlachtschwerter und nicht etwa ein Abklatsch des orientalischen Scimitars. Übrigens hat man auch in Europa zu allen Zeiten praktischerweise mit Holzrepliken, Übungsschwertern und Stöcken geübt, zum einen - weil Schwerter nun einmal recht teuer waren, zum anderen - weil man bei geringerer Verletzungsgefahr natürlich intensiver trainieren konnte. Genauso wurden auf den Philippinen Stöcke als Schwertersatz zum üben verwandt - natürlich aus Manilarohr (Rattan) - wächst dort ja überall. [8],[9]

Alles zusammen genommen spricht letztlich sehr viel für die folgende an uns heran-getragene Version - nämlich daß auf den Philippinen lange Zeit solche Einheimischen als Escrimadores bezeichnet wurden, die in spanischen Diensten stehend, die Interessen der Spanier gegen ihre eigenen Landsleute durchsetzten, hierfür im Rahmen militärischer Ausbildung spanische Schwertschule erlernt hatten - nachdem sie als ehemalige Krieger ihres Dorfes ja auch die einheimischen Stile ihrer Region beherrschten - und daher eine Verbindung aus geheimnisvoller südostasiatischer Kampfkunst und rationaler europäischer Hiebfechtschule praktizierten, die über die Jahrhunderte zu einer eigenen, einzigartigen Identität des Escrima führte. Für die Einheimischen war dies natürlich sehr bedrohlich.

EsGM Floro Vilabrille im Alter von 17 war diese Mischung, die Escrimadores - ihrer ursprünglichen Tradition folgend - später an ihre Kinder und Enkel weitergaben. Und wenn diese dann irgendwann auch wieder in spanischen DAguinaldoiensten standen, gaben sie ihre Version natürlich wieder an ihre Kinder und Enkel weiter. Dieser Prozeß muß sich so etwa zwischen 1600 und 1900 kontinuierlich vollzogen haben.

Eine ähnliche Entwicklung, der Verbindung europäischer und asiatischer Elemente, kann man ja auch bei philippinischer Musik oder beim Essen erkennen, ähnlich wie ja auch zum Beispiel die lateinamerikanische Musik eine eigene Identität entwickelt hat und man Salsa, Rumba und Merengo wohl kaum treffend als spanische Volksmusik bezeichnen kann. [3],[4]



Literatur:

[1] „Filipino Martial Arts Culture“, Wiley, by Charles E.Tuttle Publ.; 1997

[2] „Escrima“, Whu Shu Verlag Kernspecht; 1979

[3] „Filipinos at war“,Carlos Quirino, Vera-Reyes,Inc.-Philippines; 1981

[4] Spanische Geschichts- Archive Madrid, Spanien; sowie aus Gesprächen und Büchersichtungen mit Philip Unsay auf den Philippinen - Lehrer für Geschichte am Rizal Technological College Pasig und vielen anderen 1986 - 1999

[5] „Memories Ride the Ebb of Tide“, Leo Giron, Bahala na Publications; 1991

[6] „Romes Enemies“,Peter Wilcox,G.A. Emelton, Osprey Publ.Ltd.; 1992

[7] „Die Germanen“,Prof.Dr.Dahn,Vollmer Verlag; 1899

[8] Militärische Ausbildungsanweisung der schottischen Highlander, von Henry Angelo; 1798

[9] „Broadsword and Singlestick“ von R.G.Allanson-Winn and C.Phillipps-Wolley ;G.Bell&Sons Ltd. ;19.Jhrdt.