Das klassische Escrima


Die folgende Beschreibung versucht das ursprüngliche ungeschminkte und ungeschönte traditionelle Gesicht philippinischer Selbstverteidigungsmethoden darzustellen entstanden und praktiziert unter den wesentlich rüderen gesellschaftlichen Bedingungen des Sulu-Archipels, dennoch mit eigenen ethischen Grundsätzen. Diese Methoden sind ursprünglich natürlich nicht für unsere westliche Rechtsordnung gedacht gewesen!

Bei der Beschreibung der verschiedenen traditionellen Methoden wird immer wieder auch der mögliche Gebrauch eines Messers erwähnt. Dazu ist es wichtig zu verstehen, daß die zweifelsohne extrem wirkungsvollen "Selbstverteidigungsmethoden" eben aus einem völlig anderen Kulturkreis kommen und auf diesen zugeschnitten waren.
Dort waren und sind Waffen absolut üblich und der Gebrauch allgemein akzeptiert. Heutzutage gilt dies insbesondere auch für Schußwaffen und diese befinden sich praktisch in jedermanns Besitz. Die Menschen waren dort schon immer bewaffnet und wußten sich zu wehren.
Wir leben hier in Deutschland heutzutage nun einmal in einem völlig anderen gesellschaftlichen und juristischen Klima und wir müssen uns den hiesigen Gesetzen und Gepflogenheiten unterordnen.

Dennoch Escrima läßt sich auch in Deutschland mit viel Gewinn und vor allem auch Spaß praktizieren - und es macht regelrecht süchtig wahrscheinlich, weil man hier seine ansonsten im Alltagsleben tief verborgenen niederen martialischen Instinkte so wunderbar ausleben kann. Herumhantieren und sich schlagen mit Waffen ("Big Boys Toys" / und Girls selbstverständlich), martialische Kampfkonzepte und Szenarien studieren, sich ein bischen wie die Vorfahren fühlen usw..
Gleichsam wird man/frau auf Grund erwobener Fertigkeiten und Fähigkeiten, sowie seines verbesserten Einschätzungsvermögens wesentlich selbstsicherer und entspannter auf mögliche Gefahren reagieren können und erreicht so auch ein souveräneres Lebensgefühl.

Cadena  

(zunächsteinmal waffenloses Escrima, sehr kampfstarke Konzepte, überwiegend mit offener Hand aber nicht nur !)

War als Methode gedacht, körperlich stark überlegene Angreifer sicher stoppen zu können notfalls, um eine Niederlage auf jeden Fall abzuwenden, unter Zuhilfenahme eines Messers (in abgeschwächter Form mit Hilfe von Alltagsgegenständen oder einem kurzen Nervenstock). Der Übende wurde trainiert, kurz vor dem Erreichen eigener körperlicher Leistungsgrenzen, ähnlich wie bei einer Gangschaltung, automatisch ins nächste Eskalationsszenario zu wechseln, um so einen Sieg auf jeden Fall sicherzustellen. Um so mehr Geschick sich ein Anwender erwarb, um so eher fühlte er sich in der Lage, auf den Einsatz gefährlicher Waffen zu verzichten und einen Angreifer zu schonen, ohne dadurch den Handlungserfolg zu gefährden.

Espada y daga

(Umsetzung von Hiebfechtkonzepten auf Gehstock + Messer, urprünglich zivile Verteidigungsmethode alter philippinischen Escrimadores)

Traditionell von Rapier-und Linkhanddolch modifiziert, speziell als Methode gegen Angreifer mit Hieb- und Stichwaffen gedacht, verwendete man hier das Messer defensiv – quasi als Abstandhalter, so daß der/die Angreifer überhaupt nur unter schwersten Opfern an den Verteidiger herankommen konnten. Der Stock wurde mit der Idee eingesetzt, die Angreifer regelrecht abzustrafen, Ihnen eine Lektion zu erteilen, um sie zur Aufgabe ihres Vorhabens zu bringen. Dazu mußte der Verteidiger jedoch sehr offensiv vorgehen, ständig arbeiten, Druck machen und gute Fußarbeit einsetzen. Eine abwartende Haltung wäre fatal gewesen. Angreifer sollten gestraft und gedemütigt werden, Schmerzen und Verletzungen erleiden, ihrLeben sollte dabei aber - wenn irgend möglich - geschont werden.
       Dahinter stand die Idee, jungen Heißspornen die Ältere mit einem Messer o.ä. ausraubenwollten, eine ernsthafte Lektion zu erteilen, ihnen die Gefährlichkeit ihres Tuns für sie selbst klar zu machen und über diese Erfahrung eventuell zu etwas besseren, respektvolleren Mitgliedern der Gesellschaft zu machen.
      Zu Grunde lag hier einerseits der ethische Anspruch im Escrima, daß es als weitaus höhere Kunst anzusehen ist, es sich leisten zu können, einen Gegner am Leben zu lassen und zu schonen, als ihn einfach umzubringen.Auf der anderen Seite sollte der ältere Mensch den jungen Menschen, der sein Leben ja noch vor sich hatte, nicht umbringen - sondern sollte in der Lage sein, ihn auf Grund seiner langen Lebens- und Kampferfahrung zu belehren.

Estocada

(Traditionell bezogen sich diese Techniken eigentlich auf einen Stoßdegen, waren aber recht effektvoll z.B. mit Stockschirm + Messer für die Selbstverteidigung umsetzbar)

Da eben z.B. ein Schirm keine besonders effektvolle Hiebwaffe abgab, wurde hier aufeinfache und wirkungsvolle Stoßfechtkonzepte zurückgegriffen.

De Campo

(Traditionelles Hiebfechten mit Paarwaffen/Doppelschwert für den Duellplatz, sowie Speer, Anderthalbhänder und Schwert+Schild für den Einsatz auf dem Schlachtfeld)

Geübt wurden diese Methoden seit je her mit Stöcken (z.B.Rattan) als preiswerte Safetywaffen (ähnlich war es übrigens auch in Europa) oberflächlich betrachtet, konnte dies also wie eine Art Stockkampf erscheinen. Es gab von je her auch Turniere, bei denen die Stöcke selbstverständlich als Klingen betrachtet und entsprechend gehandhabt wurden. Wer sich nicht an diese Konvention hielt – die Stöcke also nicht als scharfe Schwerter" respektierte - riskierte ein Duell mit scharfen Klingen.

Baston und Capa y daga  

(Stockkampftraining - gemeint war hier: Stock als Übungsgerät ; nicht aber unbedingt als Kampfwaffe für die Realität)

Die hier vermittelten Konzepte arbeiteten gegen Angriffe mit stumpfen Waffen (Stöcke, Keulen, Latten etc.). Zum effektiven Training wurden Stöcke verwendet. Es wurde sofort der direkte Nahkampf gesucht, wobei auch waffenlose Aktionen des Gegners durch eigene Nahkampftechniken neutralisiert wurden.
Konsequent umgesetzt, zerstörten diese Konzepte praktisch jede Kampfmethode mit stumpfen Waffen. Das hier erworbene Geschick konnte für die Selbstverteidigung besonders gegen Überraschungsangriffe genutzt werden. Im Falle großer Bedrohung wurde das Ziel rigoros unter Zuhilfenahme eines Messers erreicht (eine gewisse Verhältnismäßigkeit/Abschwächung war auch hier wieder je nach Situation durch den improvisierten Einsatz harmloserer Alltagsgegenstände, eines kurzen Nervenstockes oder der bloßen Hand zu erreichen und es war auch hier wieder die Frage, wieviel Training ein Anwender absolviert hatte, um sich in der Lage zu fühlen, einen Angreifer zu schonen).

Text/Fotos: ETF-Schubert

www.etf-escrima.de