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Über die Problematik stumpfer Waffen
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Im Bereich Selbstverteidigung taucht immer wieder die Frage auf, wie man sich denn mit einem Stock - oder gar unbewaffnet - sicher und verhältnismäßig gegen Messerangriffe verteidigen könne.
Generell ist zu sagen, dass man mit stumpfen Waffen oder unbewaffnet keinen entschlossenen Angreifer davon abhalten kann, in die Nahdistanz zu kommen, man ihn sich also nicht vom Leib halten kann! Ist der Angreifer mit einer Klinge bewaffnet ist dies natürlich fatal, da hier nur Abstand vor Treffern schützen kann.
Aus jahrzehntelanger Sicherheitspraxis, sowie von den sogenannten "Lifestick"-Stockkampfturnieren wissen wir, dass Treffer zu den Gliedmaßen oder zum Rumpf keine Aufhaltkraft haben, einen entschlossenen Gegner nicht stoppen und nicht beeindrucken. Wer dieses etwa glaubt, unterliegt einem kolossalen Irrtum!
Selbst wenn man sich durch jahrelanges Training wirkliche Powerhiebe antrainiert hat, fühlt es sich in der Realität dennoch so an, als wolle man einen Gunfight mit gezielten Schüssen aus einer Luftpistole gewinnen. Ein entschlossener Gegner wird fast immer in den Nahkampf gelangen können, wenn er die Absicht dazu hat! Für den wenig trainierten Verteidiger bedeutet dies auch noch, dass seine stumpfe Waffe gefasst und damit unbrauchbar werden kann. Der trainierte Kämpfer sollte natürlich auch im Nahkampf noch in der Lage sein, mit Hilfe von Sticklocks weiterhin gefährlich zu bleiben - nur gegen ein Messer hilft dies kaum und für den Durchschnittsverteidiger ist es ohnehin reine Illusion.
Es bleibt also nur eine gewisse "Erstschlagsoption", dass heißt die Chance einen Angreifer - falls überhaupt gegeben - noch im Stadium des Drohens, aus möglichst weiter Distanz, durch einen oder zwei wuchtige Kopftreffer auszuschalten - für mehr ist kaum Zeit! Dabei ist grundsätzlich nicht leicht vorherzusagen, wie gut es gelingt, einen plötzlich nach vorne stürmenden, sich bewegenden Gegner akkurat und mit voller Wirkung zu treffen. Misslingt dies auch nur teilweise, hat man das Messer im Bauch. Dies bringt natürlich für den Verteidiger auch eine mögliche juristische Todschlagproblematik mit ins Spiel (zum Körper kaum Wirkung - zum Kopf Schädelbruch?), was beim gesetzestreuen Bürger zu Hemmungen führen kann, in der konkreten Situation überhaupt hart zu zuschlagen.
Zusätzliches Problem: Ein wirklich entschlossener Messerattentäter droht nicht, sondern handelt ohne Vorwarnung bei ziemlich unspektakulärem Verlauf (d.h. man sieht die Klinge kaum) und hat dadurch rein statistisch in über 75% aller Fälle durch den Überraschungsmoment Erfolg mit seiner Handlung. Getroffene glauben oft, sie seien geschlagen oder gestoßen worden und erfassen die Dramatik des Geschehens, falls überhaupt, erst viel zu spät. *(1)
Unsere Escapo-Konzepte können hier bei viel Training durch optimierte richtige Grundreflexe auch nur das bringen, was wir mit den "unbewaffneten 5 Prozent" bezeichnen.(5% verbesserte Chance gegen Überraschungsangriffe) Angesichts der tödlichen Bedrohung ein durchaus trainierenswertes Resultat, was jedoch auch nur auf Grund unserer umfassenden Erfahrungen und Fähigkeiten im Umgang mit Waffen erzielt werden kann.
Wer würde nun noch einen Stock, auf Grund seiner vermeintlich größeren Reichweite, für eine bessere Waffe als ein Messer halten ?
Bedeutet dies etwa, dass der Versuch eines Polizisten oder einer anderen Person gegen einen Messerangreifer im Alleingang vorzugehen und dabei einen Stock o.ä. (für Sicherheitskräfte oft noch in Form des guten alten Gummiknüppels oder neuerdings auch des Tonfas in Form des sogenannten Polizeimehrzweckeinsatzstockes, in Los Angeles auch kurioser Weise in Form von Police-Nunchakos) verwenden zu wollen, möglicherweise einem Selbstmord gleichkommt? - Im Prinzip: Ja
Wenn solche Aktionen dennoch gelegentlich gelingen und manchmal sogar Unbewaffnete mit Jitsu- oder Judotechniken einen Messermann unschädlich machen können, liegt dies einzig daran, dass mancher vermeintliche "Messer-Rambo" eben doch nicht wirklich entschlossen ist, Hemmungen hat oder aber eben doch Respekt vor der Uniform besitzt. Mit Erfolgen durch Kampfsporttraining hat dies meist nicht so viel zu tun.
Ist einem dies klar geworden, zu wieviel Selbstüberschätzung muss man dann fähig sein, um die Nerven zu haben, in einer Konfrontation auf Leben und Tod hauptsächlich auf die Unfähigkeit und Unentschlossenheit eines Angreifers zu setzen?
Dem Polizeibeamten bleibt hier im Grunde also nur der riskante Versuch koordinierter Teamarbeit mit Kollegen. Hilfreich kann hier eine stabile Decke, ein Tisch, ein Stuhl o.ä. sein, die man auf den Angreifer wirft, während man ihn gemeinsam versucht, zu Boden zu bringen oder aber letztlich ein gezielter Schusswaffengebrauch mit hoffentlich mannstoppender Munition.
Dem Polizisten, der dem Messermann mit der Schusswaffe gegenüber steht und der doch eigentlich niemanden erschießen möchte, lässt sich sagen, dass er erst dann agieren muss, wenn der Angreifer dieFüße in seine Richtung in Bewegung setzt. Dann jedoch, muss er sofort, entschlossen und richtig handeln! Hierzu sei gesagt, dass die Methode "feuern-sidestep-feuern" helfen kann, den Angreifer auf eine kreisförmige Außenbahn zu ziehen und so zu verhindern, dass er seine Schritte zu sehr beschleunigt und den Verteidiger doch noch mit der Klinge erreicht. Falls die Nerven es zulassen, könnte unter hohem Risiko vielleicht versucht werden, den Angreifer mit gezielten Schüssen in die Beine zu Fall zu bringen (Täterschonung), aber auch dies könnte schon ins Reich der Illusionen gehören. Ein wichtiger Handlungsschlüssel ist es, nicht auf die Klinge zu schauen, sondern sich über die Körper-Shilouette auf den Beginn der Fußbewegung zu konzentrieren.(Shilouetten-Sehen)
Wer dem Messermann mit einer stumpfen Schlagwaffe (Stock, Tonfa o.ä.) gegenüber steht, muss man sagen, dass es in dem Moment, wo der Angreifer die Füße in Bewegung setzt, eigentlich schon fast zu spät ist! Seine Chancen jetzt noch einen entscheidenen Treffer zu landen, sind keineswegs größer, als die eines Tennisspielers im Endspiel um die Weltmeisterschaft, der in den letzten Sekunden noch schnell versucht ein Ass zu schlagen. Die Initiative ist ihm bereits entglitten, er ist jetzt in der Position eines sich verzweifelt wehrenden Opfers.
Waffentechnisch betrachtet (juristische Seite einmal ganz außer Acht lassend), ist ein Angreifer letztlich nur durch eine gleichwertige Gegenbedrohung zu kontrollieren. Nur so lassen sich strategische bzw. fechterische Elemente einsetzen. Dies würde bedeuten, eine eigene Klinge einsetzen zu müssen - quasi als Abstandhalter.(wie z.b. bei der klassischen Espada y daga / Stock und Messer Methode oder beim Capa y daga / Umhang-Decke-Jacke und Messer - hier wird durch die Kombination sogar noch eine leichte waffentechnische Überlegenheit erzeugt)
Nur so kann man einen sogenannten "Mexicane Stand Off" herbeiführen, d.h. beide Kontrahenten sehen sich außer Stande, den jeweils anderen ohne schwere eigene Verluste entscheidend zu treffen. Für den Verteidiger kann dies eine sinnvolle Strategie sein und den Angreifer zur Aufgabe seines Vorhabens bringen, es sei denn, dieser ist wirklich zum Selbstmord bereit, was aber statistisch eher selten der Fall ist. Und nur selten entsteht daraus ein wirkliches Duell a´la James Dean Film der 50´er Jahre. Ein Angreifer mag sich zwar skrupellos mit dem möglichen Tod des Opfers abgefunden haben, meist jedoch aber nicht mit dem gleichzeitigen eigenen Ableben an so einem traurigen Ort. Zu Kaiserzeiten, als in Deutschland Polizisten noch Säbel trugen, waren sie in mancher Hinsicht also ganz gut beraten, konnten sie einem Unhold doch relativ leicht klar machen, sein Messer doch besser fallen zu lassen.
Eine Schusswaffe kann diese Aufgabe manchmal nicht so gut erfüllen, da der Angreifer die Bedrohung hier nicht so unmittelbar wahrnimmt und er die Chance sehen könnte, die Waffe zu unterlaufen und trotzdem mit der Klinge zu treffen. Und oft hat er damit sogar noch recht, schießen die meisten Verteidiger mit größerer Wahrscheinlichkeit daneben, als sie daneben stechen oder schneiden würden. Dies sollte bei einer Schusswaffenausbildung unbedingt Berücksichtigung finden.
Spätestens jetzt müsste auch dem Laien klar geworden sein, dass es keinen Sinn hat, einfach irgendwelche albernen Schlaginstrumente zur Messerabwehr mit sich herum zu tragen - DENN DIE MESSERPROBLEMATIK BLEIBT UNVERÄNDERT BESTEHEN!!!
Im Gegenteil - die gewonnene Scheinsicherheit treibt einen ziemlich leicht ins eigene Verderben. Dies muss einmal so drastisch gesagt werden.
Eine Schlagwaffe (ein Stock ö.ä.) die wenigstens zur "Erstschlagsoption" taugen soll, müsste schon ca. 80cm Länge bringen - noch länger ist noch besser (z.b.Spazierstock). Ein kurzer Stock von nur 50 oder 60 cm Länge, bringt kaum etwas außer Eigengefährdung.(bei der berittenen Statepolice in Sacramento /Ca. benutzt man zum Beispiel hölzerne Übungs-Katanas von ca. einem Meter Länge, allerdings schlauer Weise mit voller Wucht vom Pferd herunter)
Hervorragend ist ein kurzer Schlagstock oder Tonfa gegen einzelne Angreifer mit stumpfen Waffen (Baseballschläger, Zaunlatten o.ä.) einzusetzen oder auch als Kraftverstärker gegen sehr aggressive, unbewaffnete Personen. Für Polizeibeamte ist ein Schlagstock auch sehr sinnvoll zur Aufruhrbekämpfung, wenn im Verband vorgegangen wird.
Aber - und dies muss unbedingt in die Köpfe rein - wenn man einem Messer gegenübersteht, ist es eine völlig andere, höchstbrisante Bedrohung - hier sind andere "Kaliber" gefragt.
Es gibt ja leider auch aus der deutschen Polizeipraxis traurige Beispiele, wo ein einziger entschlossener Messermann 6 oder 7 Polizisten niederstach, bei dem Versuch ihn zu stellen und zu überwältigen. Leider kann man den Entschlossenheitsgrad einer Person nun mal nicht sehen, darin liegt die große Gefahr, wenn versucht einen gefährlichen Täter zu schonen und viele Polizisten haben einfach nicht genug Training, als das sie selbst im Team einer solchen Aufgabe gewachsen sein könnten.
Es gilt hier also eine bestimmte Problematik richtig einzuordnen.
Die Antwort kann hier im Grunde nur in sofort und ausreichend schnell verfügbaren hochtrainierten und gut gerüsteten Spezialeinheiten liegen, dies ist in der Alltagspraxis natürlich nicht in jeder Sekunde sofort realisierbar, also bleibt ein Teil des Problems bestehen, gehört somit zum nicht behebbaren Berufrisiko eines Polizeibeamten. Im Einzelfall kann hier also nur die richtige Risikoeinschätzung helfen, welches eine umfassende Problembewusstmachung unbedingt voraussetzt.
Und um so mehr gilt dies natürlich auch für den Laienselbstverteidiger, der einem messerbewaffneten Verbrecher auf Grund seiner eigenen gesetzestreuen Haltung meistens wirklich nicht gewachsen ist.
Und durch richtiges Selbstverteidigungstraining sollte er begreifen lernen, das dies solange so ist, wie er nicht selbst in den Augen des Gesetzes zum Täter werden möchte. In diesem Fall zum Handy zu greifen und den Job der Polizei zu überlassen, ist also nicht persönliche Schwäche oder Unzulänglichkeit, sondern eine schlaue und weise Entscheidung. Für jeden, der nicht berechtigt bzw. in der Lage ist, sofort von einer Schusswaffe Gebrauch zu machen, ist ein Messer genauso gefährlich wie eine Schusswaffe, darüber sollte man sich klar werden.
Das heutzutage jeder SV-Trainer der auf sich hält, glaubt ein paar sogenannte "Messerabwehrtricks" drauf haben zu müssen und diesen Blödsinn dann auch noch an unbedarfte Hilfesuchende (seien es Polizeibeamte oder Laien) als gesicherte Erfahrungswerte weitergeben kann, ist eigentlich ein Drama. Dabei sollte man von einem Fachmann doch eher zuverlässige Sachkenntnis als Wunder erwarten.
Im äußersten Notfall bleibt nur, was weiter oben bereits hinreichend beschrieben wurde und das sollte man dann wenigstens sehr gut trainiert haben!
Text: ETF-Schubert
(1) Internationale und nationale Statistiken der Gerichtsmedizin
Bild 1 Collage aus forensische Sektion Universität Utah :typische Parierwunde
Bild 2 Statepolice Sacramento 1990: Berittener Polizist mit Übungskatana als Schlagstock
Bild Statepolice Sacramento 1990: Polizisten mit Ausrüstung
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