Die unterschiedlichen Stile innerhalb der Philippine Martial Arts Szene weisen teils sehr unterschiedliche Merkmale und Trainingsphilosophien auf und es scheint, als würde die Schere angesichts zunehmender Kommerzialisierung immer weiter auseinander gehen. Doch worum geht bzw. ging es denn letztendlich?

Wenn man sich heutzutage mit Anhängern innerhalb der Philippine Martial Arts Szene unterhält, bekommt man des öfteren die verschiedensten klischeehaften Äußerungen zu hören. So z.b. wurde ich mal in Stockton (Kalifornien) bei einem Turnier von einem Kämpfer von Hawaii gefragt: Bevorzugst du eher Corto-Techniken oder mehr Largo-Mano-Konzepte? Als ich ihm dann für mich vollkommen selbstverständlich mit einem kurzen "kommt drauf an..." antwortete, reagierte er sichtlich irritiert und dachte offensichtlich, ich wollte mich mit ihm nicht unterhalten.

Sehr oft hört man auch von sogenannten auf die kurze oder lange Distanz spezialisierten Stilen, findet man sogenannte Corto-Mano Stile fürs Klingenduell und Largo-Mano Stile für Stockkämpfe und natürlich umgekehrt.

Fragt sich, haben denn die Alle niemals ausprobiert, was eigentlich tatsächlich geschieht und was sie da eigentlich trainieren bzw. propagieren?

Ich weiß, was ich jetzt sage, kann sehr leicht vollkommen missverstanden werden - könnte viele möglicherweise sogar brüskieren und vor den Kopf stoßen aber dem Leser sei versichert; dies ist wirklich in keinster Weise meine Absicht. Es geht mir vielmehr darum, einmal über jahrzehntelange praktische Erfahrungen im Training von FMA-Konzepten zu berichten.

Wollen wir uns hier bitte nicht mit irgendwelchen Stilistiken aufhalten und auch nicht in irgendwelche Polemik verlieren, sondern die Sache einmal wirklich hart an ihrem Kern anpacken, uns mit den Mechanismen menschlicher Auseinandersetzung befassen.

Auch ich habe jahrelang irgendwelche Corto-Kurzschwerttechniken und Largo-Stockübungen verschiedener kommerzieller sogenannter "Systeme" praktiziert - glaubte, alles funktioniere für Stock und Klingen gleichermaßen und es hat einige Zeit und guter ehrlicher Lehrer bedurft, alte überlieferte Konzepte in ihrer Bedeutung und ihrem ganzen Nutzen entsprechend zu begreifen und einzuordnen. In früheren Artikeln bin ich auf die Problematik schon öfters eingegangen, nun will ich mich diesem heutzutage ja besonders noch für die Selbstverteidigung äußerst bedeutsamen Thema einmal sehr ausführlich widmen.

Beginnen wir doch einmal beim Thema Stockkampf:

Wenn man völlig unvoreingenommen und ohne irgendwelche einschränkenden Regularien zwei entschlossene Kontrahenten mit stumpfen Waffen auf einander loslässt, wird man sehr schnell bemerken, dass beide Kämpfer (so sie denn wirklich entschlossen sind) im Nu aufeinanderprallen und der Kampf sich dann in sehr enger Distanz abspielt. (rangeln, schubsen, ziehen, schlagen, werfen...) Sehr oft kommt es zu starkem Druckaufbau nach oben bei den zusammenprallenden Kämpfern und Beide sind nicht mehr im Stande, sich von einander zu lösen. Versucht einer der Kämpfer die Nahdistanz zu vermeiden, verliert er meist sehr schnell den Druck zum Gegner und erleidet unmittelbar eine Niederlage.

Echter Stockkampf erinnert nicht selten an die typischen Szenarien im Sumoringen, wo ja ebenfalls der Start beider Kontrahenten überaus bedeutsam ist, weiterhin der Druck zum Gegner und die Beherrschung der Balance während der Auseinander-setzung, wo kleinste Fehler sofort die Niederlage herbeiführen. Kleinste Druck- und Balancefehler beim Stockkampf und man landet unweigerlich im Ringkampf am Boden. Dies aber hätte natürlich mit dem, was sich die meisten unter Stockkampf vorstellen, nicht mehr viel zu tun. Geht es doch darum, die Wirkung der Waffe auszunutzen und mit einigen gezielten Hieben die Auseinandersetzung zu entscheiden.

Wozu sonst sollte man sich denn einer Waffe bedienen?

Oder wäre etwa Ringkampf am Boden mit Pistolen die übliche Form eines Schießtrainings? Dies entspricht doch aber wohl eher nicht den Vorstellungen der meisten Schützen und wäre ja auch ziemlich absurd. Dies soll natürlich überhaupt nicht heißen, dass es nicht gut wäre, im Notfall am Boden zurecht zu kommen, aber Kern des eigentlichen Strebens der Waffenhandhabung kann es ja doch wohl nicht ernstlich sein.

Der Stock kann eine äußerst effektive und gefährliche (wenn auch stumpfe) Waffe sein, die bei richtiger Hiebschule einen menschlichen Schädel in Bruchteilen einer Sekunde zu zertrümmern im Stande ist und damit eine sehr letale Wirkung entfalten kann.

Echte, gut geführte Stockkämpfe, sind daher normaler Weise blitzschnell entschieden.

Treffer zu Gliedmaßen und Körper haben erfahrungsgemäß übrigens nur geringe Aufhaltkraft, sobald die Kontrahenten im Eifer des Gefechts erst einmal einen ordentlichen Adrenalinspiegel erreicht haben. Hier hat übrigens die Praxis mittlerweile viele abenteuerliche Stockkampftheorien einzelner Stilvertreter wie "take the fang..." usw. (Ideen die eigentlich eher in den Bereich des Klingenduells gehören) durch Resultate korrigiert.

Zum Thema Stockkampf gibt es einige Geschichten aus den 30 ´er Jahren von den Philippinen, einer Zeit als die Spanier schon geraume Zeit das Land verlassen hatten und man die sogenannten traditionellen "Old-Style-Techniken" in Form von praktischen Kontests immer noch gelegentlich praktizierte. Der eigentliche Klingengedanke und die ursprüngliche Bedeutung dieser Kontests als Schwertkampfübung verwässerte inzwischen allmählich und so kamen plötzlich einige junge Escrimadores mit ihren sogenannten "Modern-Style-Techniken" und schlugen zur Verwunderung aller Traditionalisten die "Old-Style-Vertreter".

Was war da geschehen ? Nun, da der Klingengedanke sich langsam verlor, alte Klingenkonventionen sich langsam auflösten (d.h. das man in Ermangelung an praktischer Notwendigkeit den Stock nicht mehr strikt als Klingenersatz verstand), war es möglich, dass nun einige schlaue Leute den Stock als das betrachteten, was er im Grunde war einen stumpfen Gegenstand. Und das ganze Spiel des Klingenkontests mit Stöcken als Safety-Waffen funktioniert natürlich nicht mehr, wenn sich nicht mehr beide Seiten auch wirklich Klingen vorstellen.

Wer hier auf Distanz zu bleiben versuchte, um von außen zu kämpfen, für den war der Kampf normalerweise verloren. Mit einer stumpfen Waffe ist das praktisch kaum hinzukriegen.

Genauso wie sich kein noch so guter Schwertkämpfer bzw. Fechter einen echten, wirklich entschlossenen Selbstmörder vom Leibe zu halten im Stande wäre und es diesem daher jederzeit möglich wäre, den Kontrahenten mit in den Tod zu reißen bzw. zumindest schwer zu verletzen. Fecht-/Schwertkunst wird erst möglich, wenn zwei Kontrahenten einander töten möchten, ohne selbst dabei zu Schaden zu kommen.

So ist denn z.b. auch der Ausspruch von Angel Cabales zu verstehen, wenn er sagte: "Gib mir einen 18 Inch-Stock und ich schlage jeden Gegner, selbst wenn sein Stock eine Meile lang sein sollte". Er hatte begriffen, dass der Stock, wenn man ihn als das betrachtet, was er ja eigentlich ist, nämlich ein stumpfer Gegenstand, der Gegner jederzeit zu unterlaufen und ihm der Nahkampf somit aufzuzwingen ist. Dies hat er dann ja auch hinreichend bewiesen.

Sehr dramatisch kann das Ganze nun natürlich werden, wenn ein Stockanwender in der Selbstverteidigung mit einem entschlossenen Messerangreifer konfrontiert wird, denn dann hat der Stockkämpfer praktisch nur noch die Option des sofortigen Sieges mit den ersten zwei bis drei Hieben, denn spätestens dann ist der Messermann an ihm dran und macht unbarmherzig seinen tödlichen Job! Einen Messerangreifer, der möglicherweise instinktiv auch noch die Arme als Schutz vor den Kopf hält, mit zwei drei Schlägen auszuschalten, erweist sich schnell als ein Kunststückchen, dass dazu angelegt ist, schief zu gehen.

Was dies für Sicherheitskräfte bedeutet, die im Notfall gezwungen sind einen Messerangreifer aufzuhalten, kann sich jeder leicht ausmalen.

Bleibt uns nun der Schock in den Gliedern stecken oder gibt es da irgendeine Lösung?

Ist ein Stock am Ende sogar unsinnig?

Was lässt sich Antworten?

Nun erstens klappt in der Praxis zum Glück oft noch ein Bluff:

"Leg das Messer lieber weg, Du hast hier doch eh keine Chance"... Ich sage dies wirklich aus eigener Praxis; etliche Messerzieher haben hier den entscheidenden Fehler gemacht und einfach aufgegeben, denn im Grunde hätten sie mich auf Grund ihrer Waffenüberlegenheit sehr leicht in große Gefahr bringen können. Zum Glück reichte ihr Wissen nicht aus, die Lage realistisch einzuschätzen, so dass sie Unsicherheit übermannte. Natürlich braucht es für so einen Bluff mentale Stärke - "Brainpower", um auch wirklich entschlossen und selbstsicher rüber zu kommen und hier kann dann gutes Training ein wichtiger Faktor sein.

Zweitens und dies ist wirklich ziemlich effizient, bietet sich für Profis in der Sicherheitsbranche sehr sinnvoll Teamarbeit mit Kollegen an: Einer zieht die Aufmerksamkeit auf sich, ein Anderer handelt entschlossen. Zum Glück führt ein hoher Adrenalinspiegel ja auch beim Täter zum bekannten Tunnelblick-Syndrom, d.h. die Wahrnehmungsfähigkeit sinkt, der erkennbare Bildausschnitt verkleinert sich und die Flankenanfälligkeit steigt dramatisch.

Auf die Weise haben wir in der Praxis sogenannte Möchtegern-Messerkämpfer schon öfter mal nach entsprechender Ablenkung mit einem gut platzierten, trockenen und knallharten Nierenpunch aus dem toten Winkel zusammensacken lassen, ohne das sie irgendwelchen Schaden anrichten konnten.

Nur! - Man muss sich der tatsächlichen Problematik und des Gefährdungs-potentials vollkommen bewusst sein und zu sehr professionellem Handeln motiviert sein. (d.h. es muss wirklich trainiert worden sein und alle Agierenden müssen eine perfekte Handlungsroutine besitzen und damit sofort absolut kompetent als echtes Team agieren , das ist das

Geheimnis!) Dies war der Grund, warum ich für derartige Jobs immer nur ein eigenes Team akzeptiert habe.

Kommen wir nun zur Duellsituation mit Klingen (d.h. beide Kontrahenten begegnen einander von vornherein mit Klingen):

Hier stellt sich das Ganze völlig anders dar, ja geradezu gegensätzlich...

Dies ist die Welt der Largo-Mano-Experten. Klingenlänge und damit Reichweite sind von dramatischer Bedeutung. Gute Fußarbeit, eine akkurate, raffinierte Hiebschule, sowie solide Basis-Strategien zur Raumkontrolle und taktisches Kalkül bringen letztlich den Vorteil.

Hat nun jemand die Idee, den Gegner im Nahkampf zu besiegen und verhält sich so, wie er sich sinnvoller Weise in einer Auseinandersetzung mit stumpfen Waffen verhalten sollte (nämlich sofort den Infight zu suchen), wird er hier sein Waterloo erleben.

In einer duellartigen Klingenausein-andersetzung ist der Gegner tunlichst von außen (d.h. von außerhalb seiner Reichweite) zu fighten. Wer diese Tatsache ignoriert (in einem echten Duell wird dies nur ein entschlossener Selbstmörder tun), könnte zwar seinen Kontrahenten mit in den Tod nehmen, dass eigene Leben wird er aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht bewahren können. Zu effizient, zu schnell, zu unberechenbar und führig sind Klingenwaffen.

Laien verschätzen sich oft erheblich in Bezug auf die tatsächlich notwendige Distanz in einer tödlichen Auseinandersetzung mit Klingen und stehen von vorn herein viel zu dicht.

Auf Grund der nötigen weiten Distanz, kommt es sehr häufig zunächst zu Gliedmaßentreffern. Im Erstfall können derartige Hiebverletzungen bei dem Getroffenen zu einem Schockzustand führen und somit ein vorzeitiges Ende der Partie einleiten.

Paraden hingegen gehören in einem Klingenduell grundsätzlich eher in den Bereich von Phantasiewelten, denn normaler Weise geschehen solche Konstellationen eben auf Grund der instinktiv von den Kontrahenten gewählten Überlebensdistanz äußerst selten.

Die heutzutage häufig vorgeführten Parade-Kontersituationen bei Kampfkunstvorführungen oder auch sogenannten Ritterspielen, sind jedenfalls bei weitem zu eng und haben wirklich kaum Anspruch auf Realitätsnähe.

Der dritte wichtige Bereich, den wir nun betrachten müssen, ist der Bereich der Überraschungsangriffe (ambush tactics - Angriffe aus dem Hinterhalt):

Hier weiß der Angegriffene in der Regel nie, wann und wie er angegriffen wird. Viel zu schnell geschieht alles. Grundsätzlich wird es ein Moment sein, den man sich nicht ausgesucht hat und auch nicht aussuchen würde. Die Chancen einen solchen Angriff unbewaffnet zu überstehen, stehen immer sehr schlecht, darüber sollte man sich im klaren sein. In Expertenkreisen sprechen wir von gerade mal 5% Überlebenschance bei gutem Training und dennoch wenn es hart auf hart kommt, besser als nichts!

Der für uns entscheidende Unterschied zu einer Duellsituation: Da der Gegner sich hier den Moment seiner Attacke aussucht, will er in diesem Moment natürlich auch unbedingt zum Erfolg kommen (der Gegner ist also gezwungen, sozusagen alles übers Knie zu brechen). Er muss, um sein Ziel zu erreichen, alles auf eine Karte setzen und geht daher unwillkürlich viel dichter an sein Opfer heran, als es eine Duellsituation vernünftig erscheinen lassen würde (dieser Umstand ist ebenfalls für den Verteidiger sehr bedeutsam). Umfassende taktische Vorbereitung scheidet für den Angreifer aus, um so entscheidender ist es, wie überraschend und beherzt er seine Angriffsaktion vorträgt.

Dem Angegriffenen bleibt in der Regel keinerlei Zeit zu ermitteln, ob er mit scharfen oder stumpfen Waffen konfrontiert wird. Auf Grund dieser Ausgangskonstellation ist es folgerichtig, Waffen hier grundsätzlich universell zu betrachten!

Traditionell überlieferte Reaktions-Drills sind für das Training in diesem Bereich sehr sinnvoll, da hier letztlich nur hunderttausendfache Routine in die Lage versetzen kann, im Notfall spontan - sozusagen aus dem Bauch heraus in einer unvorhersehbaren Situation irgendeine richtige Aktion zu kreieren.

Vor festgelegten Angriffs-Konter-Technikfolgen kann ich hier aber nur nachhaltig warnen, es würde eher der gegenteilige Effekt erreicht werden.

Viele der kommerziellen Anbieter nutzen derartige Drills jedoch zur Vermarktung der FMA, da die hier üblichen Übungen gleichsam auch recht unterhaltsam und damit gewinnbringend an Laien heranzutragen sind, vermitteln sie dem Übenden doch oft die Illusion des Kämpfens. Leider geht die eigentliche Zielsetzung eben häufig dabei verloren und das Ganze endet in einer Art Partnerspiel mit Stöcken.

Fazit:

Im Waffentraining sollten vorhandene Übungskonzepte, soll das Training denn wirklich Sinn machen, entsprechenden Basis-Szenarien zugeordnet werden und zwar unabhängig davon, welchen Stil man trainiert. So lässt sich die Effizienz einiger Methoden manchmal überhaupt erst erfassen und so mancher traditionell überlieferter Stil erweist sich als wesentlich effektvoller, als man ursprünglich vielleicht dachte.

Bernd Schubert