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KILLERINSTINKT IN DER SELBSTVERTEIDIGUNG ?
Oft werden dem hilfesuchenden Laien markige Sprüche und pseudorationale Begriffe vorgesetzt (z.B. Streetfighting, Allkampf etc.), welche Botschaften enthalten, die einem gesetzestreuen Bürger der sich doch nur schützen will, nicht wirklich weiterhelfen können. Eher lösen sie zusätzliche Ängste aus. Ein Bürger der sich irgendwann einmal gezwungen sehen sollte, sich aus einer mißlichen Situation heraus zu retten und sich zu wehren, will dafür doch nicht auch noch ins Gefängnis müssen !
Zu häufig wird beim Thema Selbstverteidigung übers Ziel hinausgeschossen oder manches auch falsch aufgefasst.
So propagieren wir im Cadena zwar initiatives Handeln, dies sollte jedoch nicht zu dem möglichen Irrtum führen, daß es darum geht, einen Angreifer möglichst stark zu verletzen. Auf der anderen Seite, setzt erfolgreiche Selbstverteidigung natürlich voraus, daß man nicht die Beute sein will und deshalb die Initiative ergreift, und im Notfall selbst zum Jäger wird ! Je nach Agressionspotential des Angreifers sind Verletzungen bei ihm dabei nicht auszuschließen, nämlich um weitere Aktionen schlußendlich zu unterbinden.
Einen Gegner unter Kontrolle zu bringen, bedingt in der Essenz, ihn seines Gleichgewichtes zu berauben - es ihm sozusagen wegzunehmen ! Für uns ist daher die Balance des Gegners sehr bedeutsam - quasi Dame und Turm auf dem Schachbrett. Kontrollieren wir seine Balance, haben wir sozusagen auch die Lufthoheit über seinem Territorium. Harmlose Angreifer lassen sich so ziemlich einfach zurechtweisen, ohne ihnen Schaden zuzufügen. In der Praxis versuchen wir den Angreifer von Anfang an durch zielgerichtete Push- und Schlagaktionen (schützende Schläge - Interfering Strikes /keine passiven Abwehrtechniken) in eine eigene sofortige Bedrohungslage zu bringen, ihn zu stressen, zu beschäftigen und ihn dann im folgenden Nahkampf über sein Gleichgewicht unter Kontrolle zu bringen (im wesentlichen wieder ausgeklügeltes Pushen und Schlagen, kurze Verhebelungen, einige tiefe Kontertritte und zum Griffbrechen sogenannte Bohrtechniken - wie sie bereits bei den Pankrationisten der Antike üblich und gefürchtet waren).
Es gibt Vertreter anderer Methoden, die den Angreifer vielleicht lieber umwerfen und ihn dann über Hebel und Würger am Boden ausschalten wollen, was durchaus sehr wirksam sein kann. Wir bevorzugen es jedoch, eine Auseinandersetzung am Boden nur zu führen, wenn es unvermeidlich ist und dann mit sehr radikalen Mitteln (am Boden wird man in der Realität zu leicht ein Opfer Dritter).
Eine praktische psychologische Formel für das Selbstverteidigungstraining ist es, sich den Angreifer als einen Kranken/Verwirrten vorzustellen, der durchdreht und auf uns losgeht, ohne zu wissen was er tut. Man versucht nun ihn zu kontrollieren, ohne ihm zu schaden und ihm notfalls Mittel verabreichen zu können, die ihn ruhig stellen, so daß er keinen weiteren Schaden mehr anrichten kann. Der Trick hierbei ist, daß man gedanklich nicht gegen einen ebenbürtigen oder überlegenen Kontrahenten kämpft (Rüdenmechanismus ausschalten), sondern quasi einen Kranken zu händeln versucht und zwar mit einer ähnlich professionellen Gelassenheit wie jemand, dessen Beruf es ist, tagtäglich Schlangen oder Krokodile auf einer Zuchtfarm einzufangen. Dadurch ändern sich sowohl eigene Ausstrahlung und Verhalten, wie auch das gesamte Szenario und alles verläuft oftmals in völlig anderen Bahnen.
Leider läßt sich eine zufriedenstellende wettkampfsportliche Ausübung im Cadena nicht umsetzen bzw. würde wohl dazu führen, daß man schlußendlich den Boxsport ein zweites Mal erfindet, sollte man die nicht verletzungsarm umsetzbaren Techniken herausnehmen. Zum Glück lassen sich verschiedene Cadenatechniken innerhalb des Nahkampfes beim sportlichen Escrima-Stockkampf ausreichend in Bezug auf ihre Effizienz testen, so daß dafür im Grunde auch kein Bedarf besteht.
In der Regel entscheidet ohnehin die mentale Haltung beider Kontrahenten zu 95 % über den Ausgang einer Auseinandersetzung. Es geht deshalb hierbei darum, sich Routinen zu erwerben, durch die Streßentstehung vermieden werden kann. Es ist ziemlich leicht vorstellbar was geschieht, wenn der stolze Absolvent eines zweiwöchigen Selbstverteidigungskurses auf einen Verrückten in einer Disco oder Kneipe trifft, dessen größtes Wochenendvergnügen seit Jahren regelmäßig darin besteht, irgend ein Opfer genüßlich zu verprügeln und dessen Spaß noch gesteigert wird, wenn sich sein Opfer noch ein bischen wehrt (verteidigt) - ähnlich wie die Katze mit der Maus spielt, bevor sie sie frißt. Wie wird es für unseren Selbstverteidiger wohl ausgehen, der jetzt seine persönliche Stunde Null erlebt, den Moment, in dem alle mühsam gelernten Tricks - nun unbedingt klappen sollen? Wer von beiden macht jetzt wohl eher Fehler, der - für den alles ein riesen Spaß ist oder der mit dem Streß, dessen Nerven zum zerreißen gespannt sind und den die aufkommende Angst fast gefrieren läßt?
Häufig ist es jedoch so, daß Störenfriede von vornherein ein feines Gespür dafür haben, wann sie voraussichtlich nicht den gewünschten Spaß haben werden, so daß sie sich instinktiv an jemand anderen halten. Man kann also die Welt für sich etwas verändern, wenn man Opferempfindungen innerlich ablegen kann, welches solche Kreaturen riechen, wie Haie Blut. Nach außen überspielen oder kaschieren kann man eigene Empfindungen jedoch kaum, dafür sind die Jagdinstinkte solcher Gewalttäter zu gut und bluffen klappt meist nicht.
Wirklich happy zu sein, sich entspannt und gelassen zu fühlen, ist also sehr wichtig. Wen das Thema Selbstverteidigung noch ständig innerlich beschäftigt und gefangennimmt, hat von vornherein noch keine besonders guten Optionen. Erst wenn sich dieses Gefühl völlig verliert, ähnlich wie ein Fahranfänger der in den ersten Stunden noch völlig vom kuppeln und schalten eingenommen ist und erst mit zunehmender Routine gar nicht mehr ans Autofahren denkt, sondern einfach einsteigt und losfährt, stellt sich wirkliche Wehrhaftigkeit ein. Genauso wie ein angehender Fallschirmspringer sich erst langsam an all die Unbekannten einer Situation gewöhnen muß und beim ersten Sprung wohl kaum so die Aussicht genießen kann und so gelassen ist, wie sein erfahrener Kollege der schon zweihundert Sprünge hinter sich hat, so muß sich auch der Selbstverteidiger Routinen erst langsam erwerben.
Wir arbeiten hier deshalb mit sogenannten Rollensparringsübungen, bei denen jeder Übende eine fest definierte Aufgabe hat und wodurch Risiken und Unfälle zunächst völlig ausgeschlossen sind. Mit zunehmender Erfahrung erlernt der Übende sein Risiko klein zu halten und zunehmend schwierigere Szenarien zu beherrschen, sozusagen eine Art Krisenmanagement. Dies verlangt natürlich sehr viel Überblick und Feingefühl von unseren Trainern und geht auch nicht von heute auf morgen, wobei sich repektable Ergebnisse in der Regel jedoch bereits nach ein bis zwei Jahren verzeichnen lassen. Derartiges cadenaspezifisches Training führen wir gleichermaßen erfolgreich bei Männern und Frauen fast aller Altersgruppen durch.
Was man also am Ende für die Selbstverteidigung braucht, sind Überlebenswille, Jagdinstinkt, sowie Ignoranz, Gelassenheit und die richtigen Routine-Instinkte - gepaart mit effektiven physischen Kontrollmaßnahmen. Mit Killerinstinkt hat all dies jedoch recht wenig zu tun und führt eher sogar in eine Sackgasse, nämlich unter Umständen zu panikartigem Handeln mit dem in der Psychologie umfangreich beschriebenen FFF-Syndrom (fight-flight-freeze).
Text: ETF-Schubert
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