Das philippinische Boxen - Der Pinoy-Stil im Profiboxen
Als um 1900 amerikanische Soldaten auf die Philippinen kamen, trugen sie in ihren Militärlagern zur Motivierung und Ertüchtigung ihrer Soldaten Boxmeisterschaften aus.
Die Filipinos faszinierte das Boxen auf Grund ihrer eigenen kriegerischen Mentalität und sie waren schnell in der Lage, ihre Fähigkeiten auf das neue Spiel mit den Fäusten zu übertragen.
Da ja auch waffenlose Methoden existierten - die mit der offenen Hand ausgeführt, durchaus auch letale Wirkungen haben konnten (wie z.B. beim Cadena de Mano) - musste man die eigenen Kampfkonzepte ja nur auf das Spiel mit den Handschuhen zuschneiden, genauso wie auch jede Menge Schwertkampfkonzepte (als generelle Grundmuster menschlicher Auseinandersetzung) direkt auf den Faustkampf übertragen wurden.
Das Herumboxen' wurde so innerhalb kurzer Zeit zu einem regelrechten Volkssport auf den Philippinen und überall im Land entstanden kleinere Boxclubs.
Übrigens hatte bereits 200 Jahre zuvor das Boxen in England eine ziemlich ähnliche Entwicklung erfahren. Um 1700 entstand in Europa eine Situation, in der die Schwertlehrer plötzlich zunehmend ihre Daseinsberechtigung einbüßten (u.a. durch den übergreifendenEinsatz von Schusswaffen in der Kriegsführung) und somit besonders in England auch das alte Duellwesen zunehmend als unzivilisiert nicht mehr zeitgemäß angesehen wurde. Somit gerieten die alten Schwertkämpfer in Zugzwang und man begann sich mit den Fäusten zu duellieren.(Faustfechten' quasi als Ersatzhandlung)
Anfangs zeigte man im Ring - der damals noch aus zusammengebundenen runden Holzstangen anstatt Begrenzungsseilen bestand - noch seine Waffen, bevor man den Kampf dann mit den nackten Fäusten ausfocht. Der fechterische Gedanke existierte gerade dadurch weiter, dass es eben gar nicht so leicht war, mit den ungeschützten verletzungsgefährdeten Fäusten einen trainierten Gegner wirklich zur Strecke zu bringen und tatsächlich Einiges an kämpferischem Geschick gefordert war. Oftmals dauerten diese Kämpfe dadurch auch sehr lange - konnten sich teilweise sogar über Stunden hinziehen. Im Jahre 1719 war es der englische Schwertmeister und Fechtlehrer James Figg , der als erster Schwergewichtsboxchampion Englands in die Geschichte einging. Später entstanden dann Entwicklungen, die stark vom fechterischen Gedanken im Boxen weggingen, z.B. durch den Einsatz von gepolsterten Boxhandschuhen, die das ursprüngliche Kampfbild sehr veränderten.
Auf den Philippinen verlief diese Entwicklung in sofern sehr ähnlich, als das auch hier Schwertkampfkonzepte direkt als Grundlage für die boxerische Betätigung der Filipinos zum Einsatz kamen und entsprechende Strategien sehr erfolgreich umgesetzt wurden. Nicht zuletzt dadurch entstanden sehr schnell die unverwechselbaren einzigartigen Boxstile der Filipinos, die später - wie im Folgenden beschrieben - als sogenannter Pinoy-Stil zusammengefasst Boxgeschichte schrieben.
Schnell entdeckten amerikanische Boxpromoter die Fähigkeiten und das Talent der Filipinos und sie begannen philippinische Kämpfer als Boxer nach Amerika zu holen.
Nach kurzer Zeit entstand so eine regelrechte Goldgräberstimmung auf den Philippinen - unzählige talentierte Kämpfer und ihre Lehrer wollten ihr Glück in den Boxarenen Amerikas suchen und viele schafften es auch. Irgendwann gab schließlich es in fast jedem Boxclub Californiens und auch anderswo boxende Filipinos.
Sofern sie sich dann irgendwann später in Californien niederließen, praktizierten sie schließlich ihre gesamten kriegerischen Methoden (auch die Waffentechniken) weiter - als Teil der Kultur aus ihrer alten Heimat - den Philippinen. Und so kam letztlich schon vor etwa 80 Jahren auch Escrima nach Californien.
In der Gegend um Stockton, wo sich besonders viele Filipinos niederließen, gibt es dementsprechend konzentriert auch heute noch viele Clubs für philippinische Kampfkunst.
Leider sind heutzutage allerdings nur noch wenige Lehrer wirklich in der Lage, die originalen äußerst wirkungsvollen Konzepte zu vermitteln, zu sehr ist inzwischen die commerzielle Ausbeutung vorangeschritten. Die wenigen noch kompetenten Experten unterrichten meist still und unspektakulär einige wenige Leute im Garten hinter ihrem Haus, so dass in der Öffentlichkeit den Möchtegernen, Geldmachern und Scharlatanen Tür und Tor geöffnet sind.
Die damals revolutionären Konzepte der Filipinos sind als sogenannter Pinoy-Stil in die Geschichte des Boxens eingegangen und haben das Gesicht des Profiboxens nachhaltig beeinflusst. Als Pinoys bezeichneten sich die nach Amerika eingewanderten Filipinos.
Für fast 3 Jahrzehnte - von Anfang der Zwanziger Jahre bis Ende der Vierziger Jahre - dominierte der Pinoy-Stil sogar das Profiboxen in den unteren Gewichtsklassen bis einschließlich dem Mittelgewicht, wo z.B. Ceferino Garcia (berühmt für seinen Bolopunch, der als einer der zerstörerischsten Schläge der Boxgeschichte galt) 13 Jahre Weltmeister war.
Von den Philippinen aus ihr Glück im Boxgeschäft - im `gelobten Land´ in Amerika - suchend, gab es am Ende viele philippinische Boxchampions. (Weltmeister, Nordamerika-Meister, Hawaii-Champions usw.) Zu der langen Liste von Champions gehören Namen wie Small Montana, Eugene Adona, Alki Alkol, Pat Azurin, Leo Agbulos, Bobby Augustine, Battling Bermony, Pedro Barnaha, Pete Bantista, Albert Bantista, Joe Beraya, Battling Bolo, Black Joe, Battling Bulahan, Rosy Caballero, Joe Caballero, Tuscani Caballero, Sleepy Caballero, Speedy Cabanela, Dencio Cabanela, Rufe Canion, Joe Calder, Benny Casing, Pablo Dano, Bolo Boy Mission, Aba Nalista, Kid Moro, Pete Mondilla, , Star Morillo, Little Pancho, Mario Palabrico, General Pedilla, Eddie Paco, Cumming Nenee, Tiger Napoleon, Terrible Pandong, Bob Santos, Sammy Santos, Frankie Paragon, Francisco Pilapil, Johnny Pastrano, Chris Pineda, Tommi Santos, Tenebro Santos, Pete Sarmiento, MAX SARMIENTO (Cadena de Mano), Elino Flores, Dommy Ganzon, Johnny Hill, Ceferino Garcia, Freddy Imperial, Kid Iloilo, Santos Hugo, Pedro Hondos, George Lee, Sylvino Janito, Johnny Cadao, Bartolome Katahan, Baby Johnson, Francisco Labra, Trip Lambaco, Varias Milling, Joe Mendiola, Dado Mario, Bobby Mars, Young Corpus, Young Tommy, Young Gonzalo, Young Gildo, Young Nationalista, Ramigio "Kid Java" Javellana, Domingo " Kid Suzanna" Magarite, Lorenza "Kid Cary" Sampayan, Lil'Dano, Manuel Catanio, Speedy Dado, Little Dado, Rush Dalma, Joe De Lara, Johnny Efhan, Bernhard Docusen, Maxie Docusen, Mark Diaz, Rancho Dencio, Robert Lil'Dempsey'Hilado, Flash Elorde, Tony Espanola, Gene Espanola, Gorge Enebrad, Ignacio Fernandez, Star Frisco, Benny Furrel, Jimmy Florita, Irenenco Flores, Clever Sencio, Flashy Sebastian, Lope Tenorio, Max Tarley, Sid Torres, Paul Tauson, Freddy Silvano, Marcario Seria, Johnny Villaflor, Nick Villaflor, Panco Villa, Speedy Krita, Dommy Ursua, Teddy Yodsan, Felix Villamore, Marcario Villon, Young David und Young Abra - um mal wenigstens über hundert der wichtigsten Pinoy-Boxer zu nennen.
Viele der Champions bekamen amerikanisch klingende Kämpfernamen, so dass man schon die wirklichen Namen kennen muß, um sie als Pinoys in den alten Weltranglisten zu identifizieren. (Speedy Dado, Small Montana, Lil' Dempsey etc.)
Der Pinoy-Stil beeinflusste das Profiboxen so nachhaltig, dass er ab Mitte der 30´er Jahre dessen Gesicht total veränderte. Kennzeichnend für den Pinoy-Stil war die völlig andere Konzeption des Kampfstiles so u.a. der seitliche versetzte Stand (Anwinkeln des Gegners), die sehr universelle Crossguard mit den dazugehörigen Deflect-Bewegungen, der ständige Versuch den Gegner auf die Außenbahn zu ziehen und ihn dadurch zum Bloßlegen seiner Flanken zu verleiten und sich letztlich zu verausgaben, oder ihn andernfalls mit ansatzlosen Jabs mit der locker hängenden Führhand - kombiniert mit der Shufflefußarbeit, aus der Distanz unter Druck zu setzen und zu provozieren, eine besondere Art des Fallenstellens, sowie die Pusharbeit im Nahkampf (in Schläge integrierte Schubsbewegungen), eine eigenständige Schlagschule, sowie daraus resultierenden ansatzlosen wuchtige Overheadpunches und auch andere sogenannte Shortpowerpunches (dadurch viele eindrucksvolle K.O.`s auch in den leichten Gewichtsklassen), spezielle Abtauchbewegungen usw.
Erkennend, das Kämpfe in der bislang normalen Kampfdistanz aus der üblichen vorwärts-gerichteten Links-oder Rechtsauslage gegen die Filipinos schwer führbar waren, suchten irgendwann die meisten Boxer sofort die Nahdistanz.
Da das Boxen durch diese Entwicklung erheblich an Ästhetik einbüßte und fürs Publikum eher wie eine Mischung aus griechisch-römischem Ringen und boxerischen Schlagaktionen aus der Nahdistanz anmutete, veränderte man schließlich die Boxregeln, so dass die Kämpfe wieder vermehrt "boxerischer" auf Distanz geführt werden mussten. Sogenannte "Wühler" und "Stinker" galten somit recht bald als verpönt und boxerisch untechnisch.
Durch die Okkupation der Philippinen während des zweiten Weltkrieges, sowie auf Grund der drastisch veränderten Einwanderungsgesetze in die USA nach dem zweiten Weltkrieg (es durften nur noch max. 50 philippinische Bürger pro Jahr einwandern), war es nicht mehr möglich, weiteres `frisches Kämpferblut´ in die USA zu bringen, so dass die große Pinoy-Ära des Boxens, die das Proboxen so nachhaltig verändert hatte, letztlich zu Ende ging.
Dadurch, dass die amerikanischen Boxpromoter nun auch nicht mehr massiv nach neuen Talenten auf den Philippinen Ausschau hielten, war eine notwendige breite Talentförderung im Lande auch finanziell nicht mehr möglich. Auf Grund dessen und den mittlerweile veränderten Boxregeln und somit auch veränderten technischen Anforderungen und Möglichkeiten, sind heutzutage nur noch einzelne Filipinos erfolgreich in diesem Sport.
Und dennoch, der philippinische Boxstil hatte über fast 30 Jahre seine große Zeit, was in der gesamten Boxgeschichte seines Gleichen sucht - und das in einer Zeit, wo es beim Boxsport wesentlich rauer zuging als heutzutage.
Die Affinität fürs "Herumboxen" bei den Filipinos ist im Heimatland bis heute erhalten geblieben und relativ weit verbreitet, den berühmten Flash-Elorde-Boxing-Center gibt es ja auch immer noch in Manila, während hingegen das Interesse der jungen Leute an den alten Waffenkünsten rapide abgenommen hat. Zu leicht ist man ja auf den Philippinen in der Lage, Streitigkeiten mit Schusswaffen auszutragen und das ist nun einmal sehr viel einfacher zu erlernen.
In der ETF (Escrima Training Federation) erlernt man im waffenlosen Bereich auch Basistechniken des philippinischen Pinoy-Boxens, darüber hinaus werden natürlich auch wichtige andere selbstverteidigungsspezifische Aspekte vermittelt, zumal die ETF im sportlichen Bereich ja nicht auf westlichen Boxsport, sondern Escrima-Turniere ausgerichtet ist.
Die philippinischen Kampfkünste werden heutzutage leider oft missverstanden, zum einen natürlich dadurch, dass die eben auch bestehende Affinität für Waffen leicht den Eindruck entstehen lässt, dass es sich nur um eine Art Stockkampf handeln würde(wobei Waffenkonzepte historisch bedingt natürlich auch den Ursprung darstellen). Dieses Klischee wird von einigen Geschäftemachern derzeit ja auch gewinnbringend genährt.
Dabei ist es letztlich gerade doch das universelle Gesamtverständnis, die Beherrschung und das komplexe Verstehen der unterschiedlichsten Szenarien, Kampfsituationen und daraus resultierenden Distanzen, was die besondere Stärke z.B. des Escrima ausmacht.
Leider finden sich heutzutage immer wieder auch echte Experten, die aus offenbar finanziellen Beweggründen heraus, weiszumachen versuchen, waffenlose philippinische Kampfkonzepte bzw. Techniken seien dem Karate oder irgendwelchen Kung Fu Stilen ähnlich bzw. im Grunde sogar mit ihnen identisch oder existierten erst gar nicht. Teilweise versucht man auch zu implizieren, dass wenn man die anderen Sachen erlernt und trainiert, die philippinischen Konzepte quasi gleich automatisch mit drin seien - es da also auch nichts Besonderes zu erfahren gäbe. Dies ist aber - so oder so - ziemlicher Unsinn, es ist einfach nicht richtig und man kann das eigentlich gar nicht stark genug dementieren!
Zum Einen besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen den philippinischen Methoden und anderen fernöstlichen Kampfstilen ja genau darin, dass die philippinischen Konzepte ihre Funktionalität eben auch hinlänglich über den beschriebenen langen Zeitraum von fast 30 Jahren im Profiboxen bewiesen haben, ebenso wie schon in früheren Zeiten in Duellen und in kriegerischen Auseinandersetzungen, sowie bei Guerillaeinsätzen - zuletzt im zweiten Weltkrieg. (Vergleichbar ist hier bei den asiatischen Kampfarten eigentlich nur der Erfolg einzelner thailändischer Muai Thai Kämpfer im westlichen Boxen, sowie die Geschichte des Muai Thai.)
Zum Anderen besitzen die philippinischen Methoden eben gerade auch eine völlig eigene technische Identität, die z.B. mit dem westlichen Boxen nicht vergleichbar ist. Das gesamte technische Verständnis; der Krafteinsatz - die Art und Weise wie die Kraft aus den Beinen geholt wird, wie man zum Gegner steht, die speziellen Konzepte zur Schwungraum-ausnutzung für besonders ökonomische, kurze Powerschläge, die eigenständige Schlagschule mit zwei fast gleichwertigen Schlaghänden und der dafür notwendigen Positionierung zum Gegner und die bereits zuvor beschriebenen Methoden der Gegnerkontrolle - das Pushen und das Auswinkelns des Gegners, machen die philippinischen Methoden sogar einzigartig.
Natürlich kann man immer versuchen Äpfel mit Birnen zu vergleichen, wenn es dem eigenen Vorteil (Macht und Geldbeutel) dienlich ist, dem Laien und der Kampfkunst insgesamt, ist damit jedoch wohl eher nicht gedient.
Text: ETF- Bernd Schubert
Quellennachweis:
1- Andrews Record Book (USA)
2- Kings of the Ring (James Butler/USA)
3- Hall of Fame (California/USA)
4- The 100 greatest Boxers of all Time (Bert Sugar/USA)
5- Everlast Boxing Record Book (USA)
6- A Manong's Heart (Peter Bacho/USA)
7- A Pictorial History of Boxing (Nat Fleischer an Sam Andre USA)
www.etf-escrima.de
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