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Die Auseinandersetzung zwischen Menschen und das Kämpfen mit Waffen gehört wohl mit zu den Dingen , mit denen sich Menschen in ihrer Entwicklungsgeschichte am intensivsten befaßt haben. Über kaum etwas haben Menschen in der Vergangenheit und Gegenwart gründlicher nachgesonnen, als wie man seine Artgenossen möglichst effektiv um die Ecke bringt. Nicht nur das es der Mensch auf alle nur erdenklichen Art und Weisen tut, er hat es auch noch zur hohen Kunst stilisiert. Der Weg des Kriegers, gleichsam Philosophie und Lebensschule: Dem eigentlichen Zweck entrückt, kann er sogar einer völlig friedlichen Selbstverwirklichung und Ich-Findung dienen. Wie ist das möglich ?
Nun , kaum etwas erschüttert den gesamten Menschen stärker, als die direkte Auseinandersetzung mit Leben und Tod in einem Kampf, die unmittelbare Konfrontation mit den eigenen und fremden Existenz- und Überlebensängsten. Dadurch hat sich in vielen Kulturen ein tiefes Wissen über die Mechanismen menschlicher Auseinandersetzungen entwickelt. Durch Kampf ist das eigene Ich untrügbar und unverhüllt erfahrbar. Einen Kampf systematisch zu gewinnen bedingt ein umfassendes Wissen über diese Mechanismen, und die mentale Verfassung der Kontrahenten ist in höchstem Maße entscheidend für den Verlauf eines Kampfes. So gab es in den meisten Kulturen Personen, die mit der Weitergabe, der Erforschung und dem Erhalt des alten Wissens um das innerste im Menschen, sowie auch der technischen Aspekte des Kämpfens betraut waren.
So wurde in vorchristlicher Zeit im germanischen Raum das Kämpfen mit Schwert und Schild als Skirma bezeichnet und die Personen die es lehrten, wurden bis ins Mittelalter als Schirmmeister bezeichnet. Dieser Begriff des Schirmens / Skirmens wurde durch die Wanderung germanischer Stämme Richtung Süden durch ganz Europa getragen, In Italien wurde es zu Scherma, Im Französischen zu Escrimé und in Spanien zu Esgrima. Im englischen und deutschsprachigen Raum, wie auch in Italien und Spanien sind unzählige Werke zur Schwertkunst, die damals noch alle Aspekte des Kämpfens mit Waffen enthielten (Handhabung verschiedener Schlachtschwerttypen, Schilde und Stangenwaffen, bis hin zum Ringen, daß wiederum für sämtliche Formen unbewaffneten Nahkampfes - Ringen, Schlagen, Treten - etc. stand). Zu den bekanntesten Autoren gehören Namen wie Johannes Herbart von Wirzburg (ca. 1300 über Schwert + Faustschild gilt als ältestes deutsches Fechtbuch), Hans Talhoffer (1443 , 1459 und 1467), Tobias Stimmer und Hans Joachim Meyer(1570), Hanko Döbringer, Andre Paurenfeindt und Johann Lichtenauer, nur um einige zu nennen. Besonders verbreitet waren Anleitungen für den Umgang mit der langen Stange, der halben Stange, Kurzschwert, Anderthalbhänder, Bidenhänder und Helmbarte und sehr verbreitet auch mit dem Dussack (Übungswaffe für den Umgang mit dem langen Messer, das als Nachfolger für den germanischen Sax gilt). Neben der Anleitung für den Zweikampf wurden auch Anweisungen für mentales Training, mystische Ratschläge, sowie für Gymnastik und Ernährung erteilt.
Die Schwertkunst stand um 1600 im deutschsprachigen Raum in hoher Blüte. Vor allem entfaltete sie sich in den Städten, wo die Bürger ihre Freiheit mit der Waffe in der Hand erkämpften. Zur Verteidigung der Städte erhielten sie vom Kaiser das Waffenrecht, Es wurde sogar bestraft, wer auf der Straße nicht zumindest seinen Dolch bei sich trug. Die Schwertkunst wurde zur Schwertzunft mit allen Rechten und Privilegien . Nach 1700 begann der Niedergang der Schwertkunst durch die Bildung des Militärs. Die Schwertzünfte wurden ihrer Rechte beraubt und auch nicht weiter finanziert. Angesehene Schirmmeister waren gezwungen sich auf Jahrmärkten zu verdingen (als sogenannte Klopffechter) oder hatten Glück und konnten ihre Kenntnisse in entschärfter Form, als edle Kunst an Fürstenhöfen unterrichten, woraus später das stark spezialisierte Konventionsfechten, als Vorläufer des heutigen Sportfechtens, entstand. Während sich ursprünglich laut kaiserIichem Dekret nur jemand Fechtmeister nennen durfte, der auch des Umgangs mit dem Anderthalbhänder, verschiedenen Schlachtschwerttypen, Stangenwaffen und des waffenlosen Nahkampfes mächtig war, blieb davon später nicht mehr viel übrig. Die Schwertkunst degenerierte zum reinen Stoßfechten bzw. dem Umgang mit dem leichten sogenannten "italienischen Säbel" (eine abfällige Bezeichnung für einen sehr leichten, nicht mehr schlachtfeldtauglichen Haurapier), der als Vorläufer des heutigen Sportsäbels angesehen werden kann.
Orient und Oxident hatten in ihrer Geschichte im Grundsatz einen ähnlich hohen Entwicklungs- und Kenntnisstand in der Kampfesführung, wenn man einmal epochiale Verschiebungen außer acht läßt (Technik, Körpermechanik, Kampfanatomie , Psyche, Trainingsmethoden etc.). Regional unterschiedliche Belange, soziale Entwicklungen und daraus resultierende Bedürfnisse, Zwänge und Konventionen sorgten für stilistische Unterschiede, jedoch liegen den Kampfmethoden der verschiedenen Kulturen im wesentlichen ähnliche Prinzipien zu Grunde.*Und so wie in Europa auf Grund veränderter Technologien (Schußwaffen etc.) und gesellschaftlicher Veränderungen komplexes Wissen und Jahrtausende alte Traditionen und Erfahrungen einfach über Bord geworfen wurden, erleben heute auch die Philippinen quasi sogar im Zeitraffertempo - die gleiche Entwicklung des Absterbens alten Kulturgutes zugunsten des Progresses, und der Gesetze der Ökonomie. Pragmatisch gesehen ist dies eine normale und folgerichtige Entwicklung, ohne Bedacht jedoch mit unter Umständen verheerenden Auswirkungen für die Gesellschaft durch den Verlust wichtiger Erfahrungen. Auch alte Möbelstücke und andere Dinge werden ja achtlos weggeworfen, wenn sie nicht mehr zeitgemäß scheinen, um dann später als Antiquitäten unter Umständen einen hohen Wert zu erlangen.
Der Verlust der erzieherischen und charakterbildenden Werte der alten Schwertkunst wurde in der in Europa um 1700 anbrechenden neuen Zeit zunächst übersehen, es war aus der Mode gekommen. Auch wenn einzelne Personen diese Problematik erkannt haben, so ging doch der größte Teil dieses alten Vermächtnisses in Europa verloren. Auch Johann Wolfgang von Goethe empfahl, daß sich Studenten auf dem Fechtboden bewähren sollten und war von den persönlichkeitsbildenden Werten der Schwertkunst überzeugt und sie übte eine hohe Faszination auf ihn aus.
In vielen Teilen Asiens wirft man heute alte "antiquierte" Attribute über Bord und auf den Philippinen werden heute Streitigkeiten längst wenig "swordsmanlike" mit Schußwaffen geregelt, werden die alten Meister teilweise sogar belächelt. Unter Umständen werden einige Idealisten in Europa und Amerika in 20 oder 30 Jahren die Einzigen sein, die noch philippinische Kampfkunst beherrschen und bewahren . Hoffnung bietet da nur noch eine aufwachende und zunehmend aufmerksam werdende Studentenschaft auf den Philippinen.
Die Tatsache das immer mehr Leute auf die Idee kommen, philippinische Kampfkunst bzw. Kampfkunst überhaupt kommerziell auszuschlachten und auch immer mehr Filipinos ( ob mit fundiertem Wissen oder nicht) die Kampfkunst als Sprungbrett in die Wohlstandsgesellschaft begreifen, läßt eine zunehmende Vernebelung und Verflachung des echten , alten Wissens erkennen. Rücksichtslos werden alte überlieferte Konzepte künstlich gestreckt oder zu einer leicht verdaulichen Kost umgearbeitet, wenn es einer Vermarktung irgendwie dienlich ist. Auch vor einer Vermischung, mit regelrechtem Jahrmarktbudenzauber wird nicht zurückgeschreckt, wenn damit Klischees möglicher Konsumenten befriedigt werden können und größeren Zuspruch erwarten lassen. Schon jetzt sind die negativen Folgen dieser Entwicklung bereits deutlich erkennbar, ist Fälschung vom Original für den Laien kaum noch zu unterscheiden.
Kriegskunst war zu keiner Zelt romantisch, blumig und glorreich, es wäre so, als würde man in 300 Jahren über die Schönheit und Poesie von G3, M16-Maschinengewehr oder B52-Bombern philosophieren. Diese Dinge sind ihrer Bestimmung nach nun einmal grausame Vernichtungsinstrumente und eine alte Helmbarte oder ein Schwert ist kein Stück besser, Aber heute hat ein Schwert eine andere Bedeutung erlangt, niemand würde heutzutage mehr ernsthaft erwägen, mit einer Helmbarte oder einem Speer in einen Krieg zu ziehen. Die alten Waffen sind, Ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt, zu reinen Übungsgeräten avanciert und dienen ausschließlich dem Praktizieren uralten Wissens und ansonsten in Vergessenheit geratender körperlicher und mentaler Zusammenhänge, zum Wohle von Geist und Körper. Unter solchen Voraussetzungen könnte man vermutlich auch mit heutigen Waffen ganz gut leben.- Leider, die Realität sieht zur Zeit anders aus, das Wesen und die Gedanken vieler unserer Artgenossen sind es leider auch, die modernen Waffen werden eben leider nicht für verzichtbar gehalten und beiseite gelegt.
Die alten Waffen sind ethisch vertretbar geworden, weil man sie nicht mehr braucht oder weniger nett formuliert; weil man Bessere hat I Es ist sehr wichtig, daß man sich dies vor Augen führt, bevor man anfängt ein Schwert zu schwingen. Nur so begreift man die Bedeutung des ursprünglichen Tuns. Es besteht ein großer Unterschied darin, quasi als Hobby mit einem Schwert herumzuspielen oder es in Konfrontation mit der Konsequenz der möglichen Beendigung des eigenen Lebens zu tun. Der Unterschied in der geistigen Verfassung ist kaum zu beschreiben. Es sind zwei völlig verschiedene Dinge. Und erst wenn man beim Üben in seinen Empfindungen, Vorstellungen und Erfahrungen einigermaßen in die Nähe der ersten, realen Auseinandersetzung kommen kann, greifen mentale Aspekte des Trainings mit Waffen. Dies sollten sich auch einmal die vielen Selbstverteidigungsinteressierten vor Augen halten. Es ist einer der wichtigsten Gründe, warum herkömmIiche, vielerorts angebotene, kommerzielle Selbstverteidigungskurse reiner Unsinn sind. Es ist so, als würde man 2 Jahre lang Trockenschwimmen praktizieren, um am Ende als Nichtschwimmer bestmöglich auf den Untergang der Titanic vorbereitet zu sein.
Wer von uns kann sich heutzutage denn wirklich noch als ein Schwertkämpfer bezeichnen ? In wievielen echten Schwertkämpfen hat er denn Erfahrungen gesammelt ? In Bezug auf Stockkämpfe können einige von uns in der ETF noch auf direkte eigene Erfahrungen von Lifestickfights im Ausland zurückgreifen, Turniere bei denen es üblich war, mit ungepolsterten Stöcken und nur geringer Schutzkleidung und unbedeutenden Einschränkungen durch Regeln aufeinander einzudreschen. Hier lernte man zwangsläufig auch, was man tun muß um solche Kämpfe zu gewinnen, hat die Ängste, den Streß, die Emotionen und die Art der Schmerzen ganz genau kennengelernt und kann daher authentisch darüber berichten. Und man kann Jedem der es nie ausprobiert hat versichern, die Beurteilung der Dinge vorher und nachher kann unterschiedlicher kaum sein. Im Grunde verändert sich die eigene Einschätzung über den Verlauf solcher Auseinandersetzungen und die Wirksamkeit verschiedener Techniken (auch für die Selbstverteidigung) dadurch vollkommen.
Für den sportlichen Vergleich sind derartige Turniere natürlich nicht geeignet, auf' Grund der hohen Verletzungsquote sind sie für die Aktiven gesundheitlich keinesfalls vertretbar und werden daher von der ETF auch nicht befürwortet. Auf Turnieren mit guten, sportlichen Regeln, wenn diese von Leuten gemacht werden die auch Erfahrungen in der realen Auseinandersetzung gesammelt haben, läßt sich ein guter Teil der Belastungen denen man im Ernstfall ausgesetzt wäre, erfühlen, Turniere können somit einen gewissen Ersatz für echte Erfahrungen und damit Vorbereitung auf einen möglichen Ernstfall bieten so weitgehend zumindestens, wie es gesetzestreuen Bürgern legal möglich ist. Werden Kampftechniken und Vorgehensweisen jedoch zugunsten sportlicher Regeln verändert, geht der wahre Geist durch die Versportlichung meist augenblicklich und unwiderruflich verloren.
Das Interessante an einigen asiatischen Kampfkünsten ist es daher, daß es dort noch einige Menschen gibt, die in ihrem natürlichen Umfeld selbst noch echte Erfahrungen gesammelt haben oder zumindest einer Ihrer unmittelbaren Verwandten (Vater, Onkel etc.) und diese Erlebnisse noch authentisch wiedergeben können. Man kann nur hoffen das es uns gelingt, in Zukunft den Weg beizubehalten, der es ermöglicht, überliefertes Wissen zu bewahren. Und in diesem Sinne begreift die ETF ihre Aufgabenstellung und möchte darin natürlich auch mit ähnlich gesinnten Leuten zusammenarbeiten
ENTWICKLUNG DER SCHWERTKUNST AUF DEN PHILIPPINEN:
Escrima hat eine lange Geschichte auf den Philippinen, die sowohl indischen, malayischen und über einen langen Zeitraum auch europäischen Einflüssen unterlag. Fast vierhundert Jahre waren große Teile der Philippinen unter spanischer Herrschaft und in dieser Zeit wurden auch die philippinischen Schwerttechniken durch die europäischen Fechttechniken stark beeinflußt, ohne jedoch ihre eigene Identität zu verlieren. Neben der damals in Spanien üblichen Fechtschule mit Rapier und Linkhanddolch, Techniken mit Schwert und Schild fürs Schlachtfeld und der Handhabung von Anderthalbhändern und Stangenwaffen, haben die Spanier auch die Bezeichnungen Escrima und Arnis de Mano auf die Philippinen gebracht. Die spanischen Methoden haben sich dann durch in spanischen Diensten tätige Filipinos, und durch Filipinos, die für den Untergrundkampf die Methode ihrer Feinde erlernten (um ihre Schwächen herauszufinden und sie zu besiegen), sowie im direkten Duellvergleich, nach und nach zunehmend mit den uralten einheimischen Techniken vermischt.
Da bei den Einheimischen ebenfalls von jeher verschiedene Schwerttypen, auch Zweihandschwerter, sowie Schilde und Speere im Gebrauch waren und viele regional unterschiedliche Kampfstile existierten, die traditionell innerhalb der Familien weitervererbt. wurden, kam es natürlich im Laufe der Zeit hin und wieder zwangsläufig zu Vergleichen zwischen spanischen und einheimischen Methoden.
Die Effizienz des Escrima beruht nicht zuletzt auf den jahrelangen blutigen Erfahrungen der alten Filippinos, sie hatten die Techniken noch als Handwerk zum Überleben erlernt. Im Kampf gegen die Spanier bis zur Jahrhundertwende (1898), dann gegen die Besetzung durch die Amerikaner (wobei für viele völlig unbekannt an die 3 Millionen Filippinos ums Leben kamen), später im 2. Weltkrieg, als das Inselreich von den Japanern besetzt wurde, die wiederum eine blutige Spur hinterließen, aber auch bei persönlichen Streitigkeiten die oft mit Klingen ausgetragen wurden und sogenannten Deathmatches (Kämpfe mit Duellcharakter, bei denen ohne Gnade bis zur Aufgabe oder dem Tod des Gegners gekämpft wurde, und wo selbst Beißen und Fingerbrechen an der Tagesordnung war) konnten sich nur die effektivsten Methoden durchsetzen. Den gesamten Fundus, all die angesammelten, über die Jahrhunderte der Auseinandersetzungen und Kriege zusammengetragenen Erfahrungen der philippinischen Kampfkunst auszuloten, ist selbst für den Experten sehr schwierig und kann für den Einzelnen eine regelrechte Lebensaufgabe darstellen.
Text: B. Schubert
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